Mehr als vierzig Jahre sind vergangen. Warum erinnerst du dich überhaupt noch so genau an diese wenigen Tage?

Wahrscheinlich gerade deshalb, weil es nur wenige Tage waren. Es gab keinen Alltag, der sich irgendwann über die Erinnerung gelegt hätte. Es waren drei Tage, die für sich stehen geblieben sind.Natürlich verschwinden nach mehr als vierzig Jahren Details. Aber bestimmte Bilder bleiben. Ein Abend mit Freunden, Kartoffelpuffer mitten in der Nacht, ich mit der Gitarre, alle singen. Ein Spaziergang durch den Wald gegen vier Uhr morgens. Der Nachmittag am Fluss. Die letzte Nacht im Jugendzentrum.Und irgendwann die Abreise.

Und dann tauchten beim Aufräumen plötzlich die Briefe von damals wieder auf.

Ja. In einer alten Kiste lagen Fotos und andere Dinge aus dieser Zeit – und eben auch diese Briefe.Das war schon merkwürdig. Erinnerungen verändern sich über die Jahre. Aber wenn man plötzlich etwas in der Hand hält, das tatsächlich damals geschrieben wurde, ist das etwas anderes.Die Geschichte war auf einmal wieder ziemlich präsent.

War da sofort der Gedanke: Daraus mache ich einen Song?

Nicht sofort. Aber ich war zu dieser Zeit ohnehin auf der Suche nach Material für einen neuen Song.
Also habe ich meinem digitalen Kumpel ChatGPT die Geschichte erzählt. Daraus entstand ein erster englischer Text.
Und dann wurde natürlich daran herumgebastelt. Zeilen geändert, Reime ausprobiert, Strophen umgebaut. Irgendwann war der Text einigermaßen so, wie ich ihn haben wollte.
Mit Betonung auf „einigermaßen“. Denn inzwischen weiß ich:

"Aus einer Erinnerung wurde plötzlich wieder eine Geschichte."

Und dann kam Suno.

Genau.
Text rein, musikalische Richtung beschrieben – und los ging es.
Die erste Version war es natürlich nicht. Die zweite auch nicht. Und die zehnte vermutlich ebenfalls nicht.
Am Ende waren es 46 verschiedene Versuche und Versionen, bis Summer Love entstanden war.Danach lag der Song ungefähr ein Jahr in der Schublade.
Dann in diesem Sommer wieder rausgekramt. Suno hatte den Anfang gemacht. Fertiggestellt wurde er jetzt von Hand, wie früher, in der guten alten DAW.

Warum wurde daraus nach einem Jahr plötzlich ein Film?

Eigentlich war 3 Kilometer schuld.Mein erstes größeres KI-Musikvideo hatte gezeigt, was inzwischen möglich war – und ich hatte Blut geleckt.Also kam Summer Love wieder aus der Schublade.

Was sollte diesmal anders werden?

Ich wollte kein klassisches Musikvideo. Die Geschichte selbst sollte der Film sein.Dafür mussten Kris und Anna Kris und Anna bleiben – über alle Szenen hinweg. Genauso Kleidung, Orte und Atmosphäre. Heute klingt das selbstverständlich.Bei KI-generiertem Film ist es das aber nicht

Kris entstand tatsächlich aus einem alten Foto von dir aus dem Jahr 1982?

Ja. In der Kiste lagen auch alte Schwarzweißfotos. Eines davon wurde zum Ausgangspunkt für Kris. Mit ChatGPT entstanden daraus zunächst Charakterentwürfe und später Character Sheets mit verschiedenen Ansichten und  Outfits.Die KI musste schließlich wissen, wen sie immer wieder darstellen sollte.Nur eines funktionierte von Anfang an: die weißen Adidas Samba.

Bei Anna lief das Casting weniger geradlinig.

Sehr viel weniger. Die weibliche Hauptrolle war eigentlich bereits besetzt und erste Szenen waren produziert.Aber im bewegten Film funktionierte die Figur nicht so gut, wie ich mir das vorgestellt hatte.Und dann erzeugte Flow bei einer Generierung plötzlich eine junge Frau, die überhaupt nicht geplant war. Ich sah sie und dachte eigentlich sofort: Das ist Anna.Damit war das Casting beendet.Die ursprünglich vorgesehene Hauptdarstellerin bekam später übrigens eine zweite Chance: Für die Geschichte brauchten wir noch die Freundin, über die Kris seine Briefe an Anna weitergeben konnte.So wurde aus ihr Heidi.Produktionsintern besser bekannt als:DHL-Heidi.

Wann wurde aus den einzelnen KI-Clips tatsächlich ein Film?

Das passierte erstaunlich langsam.
Am Anfang stand eher die Frage: Wie soll man aus lauter sechs oder acht Sekunden langen Clips einen Film von mehreren Minuten bauen?Irgendwann änderte sich die Arbeitsweise. Der Song wurde zur Zeitachse. Wir schauten uns eine Passage an und überlegten: Was muss hier passieren? Wie viele Sekunden brauchen wir dafür? Was machen Kris und Anna? Wo sind sie? Was tragen sie? Wie bewegt sich die Kamera?

Und der Kuss am Fluss?

Das war eine besonders interessante Zusammenarbeit mit der künstlichen Intelligenz.
Im Song stand eigentlich ziemlich eindeutig:
She kissed him gently …Wir fanden die Regieanweisung ausreichend.
Flow offenbar nicht.
Händchenhalten war kein Problem. Beim Kuss endete dagegen zuverlässig die romantische Zusammenarbeit.
Also fährt die Kamera im entscheidenden Moment nach oben in die Baumkrone.
Im Nachhinein ist die Szene dadurch wahrscheinlich sogar besser geworden.
Man sieht den Kuss nicht.
Man braucht ihn aber auch nicht zu sehen.

Gab es einen Moment, an dem du dachtest: Jetzt funktioniert es?

Nicht diesen einen Moment.
Beim ersten zusammengesetzten Refrain merkte ich zum ersten Mal, dass daraus tatsächlich etwas werden könnte.Und irgendwann saß ich abends vor dem Material und hatte für einen kurzen Moment ein merkwürdiges Gefühl.
Fast wie eine kleine Zeitreise.Natürlich weiß ich, dass diese Bilder nie existiert haben. Die Figuren sind künstlich erzeugt, die Orte sind keine exakten Rekonstruktionen.
Und trotzdem entstand plötzlich etwas, das sich erstaunlich vertraut anfühlte.Vielleicht war das der Moment, in dem aus einem KI-Projekt tatsächlich Summer Love wurde.

Wie viel von dem Film entspricht denn wirklich dem Sommer 1982?

Die Grundgeschichte.
Die Begegnung, die wenigen gemeinsamen Tage, der Abend mit Freunden, der Spaziergang gegen vier Uhr morgens, der Nachmittag am Fluss, die letzte Nacht im Jugendzentrum, die Entfernung und später die Briefe.Viele filmische Details sind dagegen erfunden oder verdichtet.
Den Baum mit K+A zum Beispiel gab es damals nicht. Die Idee entstand erst während der Filmproduktion.
Aber irgendwann wurde gerade dieser Baum zu einem der wichtigsten Symbole des Films.
Manchmal erfindet ein Film eben seine eigenen Erinnerungen.

Und was ist Summer Love für dich heute?

Eigentlich etwas, das nie geplant war.Da war eine alte Kiste. Darin lagen ein paar Briefe und Fotos. Daraus entstand ein Song. Der Song lag ein Jahr herum. Dann kam die Idee für ein Musikvideo.Und irgendwann war daraus ein kleiner Film geworden.Die Technik hat die Bilder erzeugt.
Aber ohne die Erinnerung hätte es diese Bilder nie gegeben.Vielleicht ist Summer Love deshalb am Ende weder nur ein KI-Film noch einfach die Verfilmung einer alten Geschichte.Es ist etwas dazwischen.Eine Erinnerung an drei Tage im Sommer 1982 – erzählt mehr als vierzig Jahre später mit Möglichkeiten, die damals niemand auch nur ansatzweise hätte erahnen können.

Ist Summer Love jetzt fertig?

Ja.
Also …
Sagen wir es so:
Der Film hat den Fernseher und den Beamer überlebt. Es gab eine Testvorführung, danach wurden noch Szenen verändert, Laufwege reduziert, eine letzte Nacht neu erzählt und hier und da weitergearbeitet.Irgendwann muss man einen Punkt setzen.Denn eine Sache haben Song und Film gemeinsam:
Zumindest bis zur nächsten Idee.

Irgendwann muss man ihn einfach für fertig erklären.